Nutzung digitaler Technologien und soziodemographischer Zusammenhang

Ich habe einen Nachbarn, der das Pensionsalter schon lange erreicht hat, dessen Weihnachtsgrüsse ich jährlich per Mail erhalte, mit dem ich schon lange auf Facebook befreundet bin und der mir neulich, als ich ihm sagte, ich würde wieder in einer Buchhandlung arbeiten, mit einem leicht mitleidigen Gesichtsausdruck mitteilte, dass er schon lange nur noch eBooks lese. Und dann gibt es in meinem Bekanntenkreis eine Frau, Endfünfzigerin, die mich vor ein paar Wochen fragte, ob ich denn einen WLAN Anschluss hätte und wie das genau funktioniere. Was, frage ich mich, können Gründe sein, dass sich Menschen im Alter digitalen Technologien zuwenden und was mögen Gründe sein, die zu einer digitalen Verweigerung führen können.

Dieser Frage ist die Pro Senectute in ihrer aktuellen Studie zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien nachgegangen. Befragt wurden Personen ab dem 65 Altersjahr. Dabei hat sich gezeigt, dass die soziodemographischen Merkmale Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen einen grossen Einfluss auf die Nutzung bzw. Nichtnutzung des Internets haben.

Eine grosse Kluft hat sich bei den Geschlechtern gezeigt. Nur 50% aller befragten Frauen gaben an, dass sie das Internet nutzen würden. Bei den Männern hingegen waren es 72%. Ein Grund weshalb Frauen hier markant schwächer abschneiden kann in der Technikaffinität liegen. Viele gaben in der Befragung an, dass sie Mühe mit der Bedienung technischer Geräte haben, bzw. annehmen, dass sie Mühe damit hätten. Ein wichtiger Faktor dabei ist sicher die Technikbiographie. Im Vergleich zu den Frauen gaben viele Männer an, dass sie bereits vor ihrer Pensionierung mit dem Computer bzw. dem Internet zu tun hatten. Manche Frau der heutigen Generation 65+ war nicht bis zur Pensionierung berufstätig bzw. arbeitete in einem eher technikfernen Berufsfeld.

Die Verteilung nach dem Alter zeigt, wie zu erwarten ist, dass mit steigendem Alter auch die Nutzung des Internets abnimmt. 81% der 65-69-Jährigen nutzen das Internet, fast die Hälfte davon täglich. Bei den über 85-Jährigen sind es nur noch 16%. Gerade alte Menschen haben spezielle Bedürfnisse in Bezug auf die Internetnutzung. Probleme mit der Feinmotorik, dem Sehen oder dem Hören können dabei Hürden sein. Hinzu kommen Sicherheitsbedenken, Angst vor technischen Problemen, die Kostenfrage und allgemein Unsicherheiten in Bezug auf die Nutzung.

Je höher der Bildungsgrad ist, desto eher wird der technische Fortschritt befürwortet. Personen mit höherem Bildungsgrad sind auch, wie die Studie zeigt, tendenziell technikaffiner und interessieren sich dementsprechend auch mehr für digitale Technologien bzw. nutzen diese eher. Anders als das Geschlecht und das Alter sind Bildung wie auch Einkommen eine wichtige Ressource für die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien und stehen oft in einem direkten Zusammenhang. Der durchschnittliche Onliner, so hat die Studie gezeigt, hat eine höhere Bildung und mehr Einkommen.

Die soziodemographischen Faktoren alleine entscheiden jedoch nicht über die Nutzung digitaler Technologien im Alter. Die bereits erwähnte Technikaffinität, die Computerbiographie und vor allem die Einstellung digitaler Technologien gegenüber sind weitere wichtige Faktoren. Denn für viele ältere Personen sind das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten eine wichtige Ressource,  wenn es darum geht, möglichst lange ein selbständiges Leben zu führen. Die soziodemographischen Merkmale sind gegeben und lassen sich nicht ändern. Deshalb ist es wichtig, dass Angebote wie die Tablet Heroes, die Seniorenschulung der SBB oder die Kurse der Pro Senectute geschaffen werden, welche ältere Menschen abholen und so mit der Technik vertraut machen, dass sie für sich einen Sinn und Nutzen darin finden.

Mein Nachbar, der Rebel Ager, erfüllt die sozidemographischen Merkmale des typischen Onliners voll und ganz. Das Entscheidende ist jedoch, dass er den Nutzen und die Selbständigkeit erkannt hat, die ihm sein Umgang mit digitalen Technologien bieten. Wohingegen meine Bekannte sich wohl in Richtung Conservative Ager entwickeln wird. Ausschlaggebend dafür sind jedoch nicht ihre soziodemographischen Merkmale, sondern ihre Einstellung neuer Technologien gegenüber.

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