Projekt Silberwissen – Senioren schreiben an der Wikipedia

Silberwissen

„Die wachsende Zahl von aktiven älteren Menschen, ihre Lebenserfahrung und ihr Wissen, stellen ein Potenzial dar, das für die Online-Enzyklopädie Wikipedia besser genutzt werden sollte.“ (Richter Pavel, Geschäftsführer Wikimedia Deutschland, thirdageonline.eu)

„Projekt Silberwissen-Logo“, Pung Johanna, 2011 (verfügbar unter: wikimedia.org)

Ältere Menschen verfügen über grosse Erfahrung und einzigartiges Wissen, welches verloren wäre, würde es nicht an die nächste Generation weitergegeben. Wikipedia als freie Internetenzyklopädie, böte hier eine perfekte Plattform, um eben dieses Wissen zu bündeln und den Erfahrungsschatz von Senioren „haltbar“ zu machen.

Es wurde jedoch festgestellt, dass die Älteren (50plus) unter den Autor(inn)en der Wikipedia deutlich unterpräsentiert sind. Dementsprechend fehlt auch das Wissen dieser Altersgruppe in der Wikipedia. Aus diesem Grund hat Wikimedia Deutschland im Oktober 2010 das Projekt Silberwissen im Rahmen des übergeordneten Projekts Third Age Online (TAO) ins Leben gerufen. Das bis Ende 2012 dauernde Projekt setzte sich dafür ein, dass Senioren an die Internetenzyklopädie herangeführt werden und möglichst viele ältere Menschen als Wikipedianer gewonnen werden.

Aber wie können Menschen, für welche das Internet, geschweige denn das Wort „Kooperative Zusammenarbeit“, zumeist ein Novum darstellt, überhaupt dazu gebracht werden, ihr Wissen in der Wikipedia zu teilen?  Im Projekt Silberwissen geschah das Gewinnen, Motivieren und Aktivieren der Senioren als längerfristige Wikipedia-Autor(inn)en mittels dreier „Module“, auch Workshops genannt. Diese konnten je nach Bedarf in Anspruch genommen werden.

An einer Erstveranstaltung informierten und motivierten Wikipedia-Autor(inn)en die älteren Menschen, mitzumachen und sie für die Idee des Freien Wissens zu begeistern. Auch wurde versucht, Ihnen die Angst und das oftmals vorherrschende Unverständnis ob der dezentralen Arbeitsweise der Wikipedia (als „chaotische Zusammenarbeit“ bezeichnet), zu nehmen. Gewonnen wurden die Teilnehmer, indem bestehende Netzwerke wie Seniorenbildung, Volkshochschulen oder Vereine, welche einen hohen Anteil älterer Menschen aufwiesen, angeschrieben und zu den Veranstaltungen eingeladen wurden. Ziel war es, möglichst viele ältere Menschen anzusprechen.

Silberwissen.jpg „Silberwissen-Workshop mit Chronisten“, 2011. Foto: Schmidt Elvira (verfügbar unter: wikimedia.de)

In einem weiteren Workshop wurde der (kleine) Kreis noch verbleibender interessierter Senioren dann an das Editieren in der Wikipedia herangeführt. Dabei sahen sich die Teilnehmenden einigen Herausforderungen gegenüber: Zum einen die neue und unbekannte Nutzeroberfläche im Bearbeitungsmodus (Wiki-Syntax), die hohen inhaltlichen und formalen Anforderungen, welche an einen Wikipedia-Artikel gestellt werden, sowie der sicheren Fertigkeiten im Umgang mit PC und Internet, welche eine wichtige Voraussetzung für eine Beteiligung als Wikipedia-Autor(in) darstellt. Von den Kursleitern wurde viel Geduld und Verständnis eingefordert. Auch war es äusserst wichtig, den Senioren individuelle Beratung anbieten zu können.
Im dritten und letzten Modul wurden fortgeschrittenere Themen wie das Hochladen eigener Fotos und das Verknüpfen mit Artikeln behandelt sowie grundlegende Informationen zu freien Lizenzen gegeben.

Zum Abschluss des Projekts Silberwissen stimmten sowohl die Referenten als auch die Teilnehmenden damit überein, dass drei Veranstaltungen für die Mehrheit nicht ausreicht um in die Wikipedia einzuführen und während der ersten Schritte zu begleiten. Viele Fragen, so stellte man fest, entstehen erst mit einer höheren Aktivität.

Rund 50 Prozent der Teilnehmenden waren nach Abschluss des jeweiligen Kurses der Auffassung, weiterhin bei Wikipedia tätig sein zu wollen. Dieses Ergebnis zeigt, dass Silberwissen durchaus ein erfolgreiches Projekt war. Mit dem Projekt  hat die Wikimedia Deutschland Neuland betreten. Die Erfahrungen, welche in diesem Projekt gemacht wurden, fliessen jedoch in Wikimedia-Projekte anderer Länder wie aktuell der Niederlande oder Polen, mit ein.

Quellen: Schmidt Elvira, 2013, S.97-105 sowie Richter Pavel, 2012, S.330-337

Zuhause wohnen dank intelligenter Technik

Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter. Bis im Jahr 2030 wird jede vierte Person in der Schweiz über 65 Jahre alt sein, rund 700’000 gar über 80 Jahre. Dabei ist das Bedürfnis gross, möglichst lange, möglichst unabhängig in den eigenen vier Wänden zu wohnen (Stichworte: „zuhause alt werden„, „ageing in place“ und „ambulant vor stationär„). Dabei hilft nicht nur die passende bauliche Gestaltung der Wohnung (Stichwort: Hindernisfreiheit), sondern immer mehr auch die Integration von smarter (Gebäude-)Technik. Denn hat man eine Technik in der Wohnung, die mitdenkt, mithilft und unterstützt, lässt es sich länger eigenständig und doch bequem leben. Das Stichwort hier heisst AAL.

Ambient Assisted Living (AAL), zu Deutsch etwa umgebungsunterstütztes Leben, meint das Einrichten einer unterstützenden, intelligenten Umgebung. Fenster, die sich selber öffnen und schliessen, Raumtemperaturen, die sich selbständig anpassen, Beleuchtungen, die sich ein- und ausschalten oder zentral regeln lassen  – erinnert alles an das Konzept von Smart Homes (wer mehr dazu erfahren möchte, sei der Blog von unseren Mitstudentinnen empfohlen, insbesondere auch ihr Beitrag zu AAL). In der Tat haben die Konzepte viele Berührungspunkte. Bedeutet die sensorgesteuerte Regelung von Raumklima, Beleuchtung, Unterhaltung etc. besonders auch für ältere Menschen eine angenehme Entlastung, bieten die intelligenten Assistenzsystemen (das müssen keine Roboter sein) in AAL-Umgebungen zusätzliche aufs Alter zugeschnittene Unterstützung.

Da es unzählige Projekte, Produkte und Ideen gibt, stelle ich im Folgenden das Projekt DALIA (Daily Life Activities at Home) vor. Durchgeführt wurde es 2012-2016 von einem internationalen Konsortium, beteiligt war auch das iHomeLab der Hochschule Luzern (weitere AAL-Projekte hier). Das ziemlich hohe Ziel des Projekts lautet:

“It is estimated that in 2060 more than a quarter of the European population will be older than 65 years. Consequently, more people will become care-dependent. In most of the cases relatives take the biggest share in caring for their beloved. However, taking care of relatives is often connected to burdens. With our solution DALIA we want to solve that problem.”

Doch wie stellen sie sich das vor? Die Lösung des Problems: ein persönlicher virtueller Assistent. Integriert in ein individuell anpassbares System (abrufbar auf Tablet, Smart TV…), ist er die zentrale Ansprechperson. Dank seiner menschlichen Erscheinung und dank seiner Fähigkeit per Sprache zu interagieren, senkt er die Hemmschwelle gegenüber der Technik und soll vor allem intuitiv bedienbar sein – auch für Personen die nicht technikaffin sind. DALIA fasst in einer einzigen Plattform verschiedenste Anwendungen zusammen. Diese gehen von E-Health-Anwendungen (Gesundheitstracking, Medikamenteübersicht), über Kommunikations- und Erinnerungsfunktionen (Telefon, Kalender) und einer Notruffunktion (die selbst Stürze erkennt) bis zu einer anpassbaren Toolbox (z.B. Lokalisieren von verlorenen Dingen). Authorisierte Personen, wie Verwandte, Pflegepersonal, medizinische Dienste, können schnell und einfach auf Daten zugreifen bzw. in das System eingreifen.

Zentral bei vielen AAL-Umgebungen ist, dass es sich um selbstlernende, mitdenkende und integrierte Systeme handeln. Sie bieten nicht nur massgeschneiderte Problemlösungen an, sondern binden oftmals auch weitere Personen und Dienstleister ein (wie Verwandte, Nachbarn, Sicherheitsunternehmen, telemedizinische Zentren). Wichtig ist aber, all die Sensoren, Tools und Dienstleistungen sind nicht für das gute Gewissen von Angehörigen gedacht, sondern sie sollen den Senioren und Seniorinnen, die mit ihnen leben und ihre Wohnung teilen, ein selbstbestimmtes, sicheres Leben ermöglichen. Die Akzeptanz des Systems ist daher wichtig, aber durch das steigende Interesse von älteren Menschen an Internet, PCs und Co. wird der Markt für die Entwicklung von smarten Lösungen für den Smart Senior bedeutsamer und aussichtsreicher. Der Gewinn an Lebensqualität und Selbstbestimmtheit überwiegt dann auch die permanente Überwachung – jedenfalls nach Jäkel (2015, S. 65-73).

Robotik in der Alterspflege

Der fortschreitende demographische Wandel sorgt dafür, dass die Zahl der Pflegebedürftigen unerbittlich steigt. Daneben vermindert sich die Anzahl Pfleger pro Patient kontinuierlich. Nirgends sonst ist die Lage so prekär wie in Japan, das Land, welches ebenfalls für seinen technischen Fortschritt bekannt ist. Deshalb ist es auch naheliegend, dass Japan seine Risiken sogleich mit seinen Chancen angeht. Hier sind Roboter schon fester Bestandteil in der Altenpflege.

Auf dem Markt findet man derzeit schon einige Modelle dieser Pflege-Roboter wie z.B. der Hebe-Roboter Ri-Man (hebt Patienten vom Bett in den Rollstuhl oder die Badewanne), der Service-Roboter Care-O-Bot (bedient u.a. die Patienten, kann Blumen giessen und den Fernseher einschalten), der Pflege-Roboter „Hospi“ von Honda (er kann den Patienten die Haare waschen und nimmt Blutdruckmessungen vor) oder Paro, die Therapie-Robbe, welche für Demenzkranke entwickelt wurde (siehe Video). All diese Erfindungen sind einerseits praktische Helfer in der Altenpflege, aber auch berechtigter Kritik unterworfen. Denn die fehlende Akzeptanz gegenüber Pflegerobotern ist durchaus verständlich. Als pflegebedürftiger Mensch schätzt man den sozialen Kontakt genau gleich, wenn nicht noch mehr, wie jeder andere. Sich von einer programmierten Maschine bedienen, pflegen und unterhalten zu lassen entlastet wohl die Pfleger, isoliert dafür die betreuten Personen. Zudem wurden in Japan auch schon Fälle von gewalttätigen Pflegerobotern bekannt.

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Der Care-O-Bot, ein wenig „Mädchen für alles“, dient als praktische Unterstützung in Spitälern und Pflegeheimen.

Foto: Jiuguang Wang (verfügbar unter: Wikipedia)

In Europa setzt man Robotik noch eher zögerlich für Projekte in der Altenpflege ein und geht mit dem Technikeinsatz auch deutlich subtiler vor als in Asien. Dies ebenfalls, da die Bereitschaft der zu Pflegenden vielfach fehlt, sich in die Hände eines Roboters zu begeben. Zudem können sich die teuren Roboter, deren Kosten oft mit dem Wert eines Mittelklassewagens umschrieben werden, schlicht nicht alle leisten. Was dafür an Wichtigkeit zugenommen hat ist der Einsatz vom sogenannten Ambient Assisted Living. Also versteckte Technik im ganzen Haus, welche mittels Sensoren die Senioren in ihren eigenen vier Wänden überwacht und Alarm schlägt, falls jemand stürzt oder auffällig lange keine Bewegungen aufgezeichnet werden.

Auch in der Schweiz steht man dem Einsatz von Pflege-Robotern eher skeptisch gegenüber und sieht den Einsatz der Technik eher in der assistierenden als einer ersetzenden Rolle. Und diese Entscheidung macht auch durchaus Sinn. Einen Menschen kann kein Roboter ersetzen. Für Arbeiten wie Essen verteilen, Messungen vornehmen und als Trainingsgerät ist die Technik durchaus nützlich. Menschliche Aspekte wie eine situative Einschätzung, ein Gespräch oder bloss die Anwesenheit einer anderen Person, was für die Genesung enorm wichtig ist, kann keine Maschine abdecken. Die Pfleger schätzen den Einsatz von Robotern durchaus, denn sie nehmen die körperliche Schwerstarbeit ab und es bleibt mehr Zeit für die Patienten. Es wurde schon festgestellt, dass dadurch die Pfleger auch länger ihrem Job treu bleiben und durch den Technikeinsatz sich vermehrt Männer für diesen eher traditionellen Frauenberuf interessieren. Eine weitere grosse Frage ist die Haftung. Wer steht gerade, wenn etwas mit dem Roboter schiefgeht und er sogar jemanden verletzt? Ausserdem benötigen all diese Roboter eine Überwachung in Form von geschultem Personal, also IT-Fachleute, welche die Maschinen kontrollieren und warten. Dies schlägt sich wiederum auf das Budget aus. Ein wahrer Teufelskreis also, dem Spitäler und Pflege-Einrichtungen zurzeit gegenüber stehen.