… und was geschieht mit den Offlinern?

Wie in einem unserer Blogbeiträge beschrieben, zählen gemäss der Pro Senectute Studie „Digitale Senioren“ rund 20% der 65-69jährigen und 84% der über 81jährigen zu den sogenannten Offlinern, also Menschen ohne digitale Vernetzung. Was aber geschieht mit diesen Menschen? Werden sie benachteiligt, ausgeschlossen, … vergessen?

Fragt man die betroffenen Personen selber, kommt man zum Schluss, dass nur etwa 20% der älteren Offliner der Meinung sind, ohne Internetzugang nicht mitreden zu können, ebenso wenig fühlen sie sich deswegen ausgeschlossen von der Gesellschaft. Auch haben lange nicht alle Offliner eine negative Einstellung zum Internet. Im Gegenteil: Das Internet an sich geniesst ein doch eher positives Image bei ihnen. Das zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass sich ein hoher Prozentsatz (55%) von denjenigen älteren Menschen ohne Internetzugang Informationen im Netz über andere Personen abrufen lassen. Da „Offliner nicht gleich Offliner“ ist, formuliert die Pro Senectute folgende drei Typen derer:

  • Die Nutzungsinteressierten (17%)
  • die Ambivalenten (45%)
  • die Ablehnenden (38%)

Die Nutzungsinteressierten haben eine positive Einstellung zum Internet und planen, dieses in Zukunft zu nutzen. Sie finden zahlreiche Internetanwendungen interessant, wurden jedoch aufgrund einiger Schwierigkeiten bis jetzt davon abgehalten, den Einstieg zu vollziehen. Bei den ambivalent Eingestellten befinden sich 66% Frauen. Die Ablehnenden (65% Frauen, Durchschnittsalter 78 Jahre) geben als häufige Gründe der Nichtnutzung sensorische oder kognitive Schwierigkeiten an. Interessant ist, dass sich die Nutzungsinteressierten viel häufiger als die Ablehnenden von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen fühlen. Das zeigt, dass nicht nur die Nutzungserwartungen, sondern auch die Erwartungen an eine gesellschaftliche Teilhabe eine Rolle spielen.

Um die digitale Spaltung der Generationen zu verringern und möglichst viele Nichtnutzer ans Netz zu bringen, laufen aktuell zahlreiche Projekte in der Schweiz. Im Rahmen der Pro Senectute Studie wurde eine Übersicht zu Massnahmenempfehlungen erarbeitet. Obwohl eine erste Version bereits im Jahre 2010 erstellt wurde (siehe Seifert und Schelling, 2010, S.55), ist die Liste mit den 12 Bereichen gemäss aktuellster Befragung 2015 noch genauso aktuell wie damals:

  • Sensibilisierung der älteren Menschen mit den neuen IKT
  • Ermutigung, eigene Bedürfnisse und Angebote des Internets zu vergleichen um dadurch mögliche Nutzen zu erkennen
  • Aktivierung sozialer Ressourcen zum Erlernen des Internets
  • Förderung von Schulungsangeboten
  • Förderung von Ehrenamt (Anerkennung/Würdigung von Personen, welche freiwillig ältere Menschen beim Erlernen unterstützen (z.B. Generationenprojekt compiSternli)
  • Förderung von selbstorganisierten Seniorengruppen
  • Benutzerfreundlichkeit (z.B. altersgerechte Webseiten oder Handhabbarkeit von mobilen Hardwarelösungen)
  • Finanzielle Erleichterungen wie beispielsweise bei Internetanschlusskosten
  • Öffentliche Ehrung bestehender Projekte
  • Entwicklung eines gemeinsamen Aktionsplans im Bereich IKT im Alter (e-Inclusion)
  • Förderung der weiteren Erforschung des Themas IKT im Alter (siehe z.B. AAL)
  • Garantie alternativer Zugänge zu wichtigen Informationen und Dienstleistungen (offline, über herkömmliche Kanäle)

Nein, vergessen werden sie also nicht, die Offliner. Bei all den Massnahmenempfehlungen sollte aber trotzdem nicht vergessen werden, dass nicht einfach alle gezwungen werden können, das Internet zu nutzen. Eine „Verweigerung“ sollte auch im heutigen digitalen Zeitalter möglich sein und akzeptiert werden. Deshalb ist auch der 12. und letzte Bereich der Liste als Gleichwertig mit allen anderen Massnahmen unbedingt ernst zu nehmen, damit die 38% der aktuell „Ablehnenden“ nicht in die Ecke gedrängt werden, nur weil sie das Internet nicht nutzen (möchten).

Conservative Ageing – die klassische Form des Alterns

Die GDI-Studie Digital Ageing (Samochowiec et. al. 2015) geht, wie hier erwähnt, von vier Szenarien des Alterns in einer digitalen Welt aus. Der erste Typ sind die conservative agers  (Samochowiec et. al. 2015, S. 39-43), die klassischen, klischeehaften „Alten“. Menschen, die zufrieden sind mit dem was sie können und wie ihr Alltag funktioniert: Einzahlungen werden am Postschalter gemacht, Geld wird am Bankschalter abgehoben. Fernsehschauen und Radio hören ja, aber einen Computer bedienen und im Internet surfen: Nein, das möchten sie nicht. Sie geniessen ihr Leben ohne all das „neumodische Zeugs“.

„Es geht Ihnen nicht darum, neue Fähigkeiten zu erlernen, neue Menschen kennenzulernen oder neue Erfahrungen zu sammeln, sondern eher darum sich auf Altbewährtes zu konzentrieren.“ (Samochowiec et al. 2015, S. 39)

Im Rentenalter suchen diese „Alten“ keine neuen Herausforderungen, sondern übernehmen klassische Rollen wie z.B. die Enkelbetreuung. Sie sind zufrieden mit dem was sie haben, sie nehmen das Alter hin, sträuben sich nicht dagegen und versuchen alles so zu lassen wie es ist. Sie entgehen der Hektik der Gesellschaft, entziehen sich schnelllebigen Trends und vielen materiellen Besitztümern.

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Foto: Marina Shemesh (verfügbar unter www.publicdomainpictures.net)

Die conservative agers brauchen keine technologischen Neuerungen, neue Angebote und Online-Dienstleistungen. Neue Technologien wenden sie nur bedingt und restriktiv an, ganz entziehen können sie sich ihnen aber nicht. Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet fort, vieles was während Jahrzehnten immer gleich funktionierte, funktioniert nun nicht mehr oder einfach anders. SBB-Ticketautomaten, E-Banking oder Online-Angebote bereiten konservativ eingestellten „Alten“ grosse Schwierigkeiten – vor allem wenn die Alternativen dazu verschwinden. Das stellt einerseits die conservative agers vor grosse Hindernisse an der Gesellschaft teilzunehmen. Andererseits sind sie aber auch für die Gesellschaft eine Herausforderung, indem sie Neuem gegenüber misstrauisch sind und Innovationen bremsen. Wichtig ist es, den Austausch zwischen der digital modernen Jugend und den rückwärtsgewandten conservative agers zu gewährleisten, wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht gefährdet werden soll.

Was die Verbreitung dieses Alterstyps angeht, zeigt sich, dass das klassische Altern in der digitalen Welt längst nicht mehr der Standard ist. Haben vor allem jüngere Menschen noch ein eher konservatives Bild vom Alter, zeigt die GDI-Studie, dass Altern längst nicht mehr nur in der klassischen industriellen Form geschieht. Die „neuen Alten“ verändern das Bild vom Alter und Altern.