mHealth als Chance für Senioren

Das Internet dient heute vielen Menschen als Informationsquelle, wenn es um Themen der Gesundheit geht. Kaum einer, der noch nicht nach Symptomen gegoogelt, Gesundheitsforen besucht, nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten gesucht oder einfach bei Wikipedia ein Krankheitsbild nachgeschlagen hat.  Gesundheits- und Medizin-Apps, Self-Tracking-Armbänder und Smartwatches sind allgegenwärtig. Wir messen damit unsere Schritte, unsere Kalorienzufuhr, unseren Schlaf und verwalten unsere Gesundheitsdaten. Darum und noch um einiges mehr geht es bei mHealth, das für mobile Health, also mobile Gesundheit, steht und von der WHO wie folgt definiert wird:

„(…) medical and public health practice supported by mobile devices, such as mobile phones, patient monitoring devices, personal digital assistants (PDAs), and other wireless devices. mHealth involves the use and capitalization on a mobile phone’s core utility of voice and short messaging service (SMS) as well as more complex functionalities and applications including general packet radio service (GPRS), third and fourth generation mobile telecommunications (3G and 4G systems), global positioning system (GPS), and Bluetooth technology.“

Wer sich ausführlicher mit dem Thema mHealth und eHealth befassen will, dem sei der Blog about eHealth unserer Mitstudierenden empfohlen oder die Studie der WHO, aus der das Zitat stammt.

Aktuelle Studien haben nicht nur gezeigt, dass Senioren und Seniorinnen im Internet nach Gesundheitsthemen suchen, sondern auch, dass sie immer mehr mobile Geräte wie Smartphones und Tablets nutzen. Da ist der Schritt zur Gesundheit- oder Medizin-App nicht weit. Zumal mHealth eine Chance sein kann, wenn es darum geht selbständiger zu sein und in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Eine App kann vieles; sie erinnert an die Medikamenteneinnahme oder setzt bei einem Sturz automatisch einen Notruf ab, sie ist ein digitaler Diabetes Assistent, der nicht nur die Werte überwacht sondern auch Ernährungstipps gibt, sie erfüllt eine Tagebuchfunktion zum einfachen festhalten und überprüfen von Gesundheitswerten oder ist einfach ein Ansporn zu mehr Bewegung und Fitness. Darüber hinaus kann der Einsatz von Apps auch die Kommunikation mit Ärzten vereinfachen. Im folgenden werden drei mHealth Produkte vorgestellt, die für die ältere Generation entwickelt wurden. Weitere Informationen wie Testberichte zu mHealth Produkten bietet die Plattform HealthOn.

Im Rahmen einer kleinen Studie wurde die App My Therapy getestet. Sie bietet nebst der Funktion eines Medikamenten-Weckers auch eine Möglichkeit zur Dokumentation von Vitalwerten und des Therapieverlaufs. 30 chronisch kranke Senioren benutzen sie während vier Wochen. Die Ergebnisse zeigten, dass nebst dem Ziel der regelmässigen Medikamenteneinnahme sich auch das psychische Wohlbefinden der Patienten und Patientinnen verbesserte.

Bei der neu entwickelten App B-Cared handelt es sich um eine Notruflösung für alleinlebende Senioren und Seniorinnen. Es ist als Ersatz für das Notrufarmband gedacht. Auf drei verschiedene Arten kann der Notruf ausgelöst werden: automatisch, mittels eingebautem Sturzsensor, manuell und ebenfalls automatisch, falls der OK Button zur vorgesehenen Zeit nicht gedrückt wird. Diese App funktioniert auch wenn das Smartphone defekt ist oder keine Internetverbindung besteht.

Smartwatches, die zu den Wearables gehören, lassen sich einzeln oder in Verbindung mit anderen Geräten im mHealth-Bereich einsetzen. Bereits heute gibt es zahlreiche Apps aus dem Gesundheitsbereich, für diese Devices. Im März 2016 wurde ein Patentantrag von Apple gutgeheissen. Mit diesem System soll eine Smartwatch mittel Pulsmsessung in der Lage sein, einen Herzinfarkt zu erkennen und selbständig einen Alarm auszulösen.

Wie immer im Gesundheitswesen ist nichts ohne Risiken und Nebenwirkungen.  Aus der riesigen Fülle von Angeboten, die Richtigen zu finden ist nicht einfach. Nicht alles, was als Gesundheitsapp daher kommt, ist auch gesund. Nebst den grossen qualitativen Unterschieden ist auch richtige Umgang mit den Geräten und Apps wichtig.

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Zuhause wohnen dank intelligenter Technik

Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter. Bis im Jahr 2030 wird jede vierte Person in der Schweiz über 65 Jahre alt sein, rund 700’000 gar über 80 Jahre. Dabei ist das Bedürfnis gross, möglichst lange, möglichst unabhängig in den eigenen vier Wänden zu wohnen (Stichworte: „zuhause alt werden„, „ageing in place“ und „ambulant vor stationär„). Dabei hilft nicht nur die passende bauliche Gestaltung der Wohnung (Stichwort: Hindernisfreiheit), sondern immer mehr auch die Integration von smarter (Gebäude-)Technik. Denn hat man eine Technik in der Wohnung, die mitdenkt, mithilft und unterstützt, lässt es sich länger eigenständig und doch bequem leben. Das Stichwort hier heisst AAL.

Ambient Assisted Living (AAL), zu Deutsch etwa umgebungsunterstütztes Leben, meint das Einrichten einer unterstützenden, intelligenten Umgebung. Fenster, die sich selber öffnen und schliessen, Raumtemperaturen, die sich selbständig anpassen, Beleuchtungen, die sich ein- und ausschalten oder zentral regeln lassen  – erinnert alles an das Konzept von Smart Homes (wer mehr dazu erfahren möchte, sei der Blog von unseren Mitstudentinnen empfohlen, insbesondere auch ihr Beitrag zu AAL). In der Tat haben die Konzepte viele Berührungspunkte. Bedeutet die sensorgesteuerte Regelung von Raumklima, Beleuchtung, Unterhaltung etc. besonders auch für ältere Menschen eine angenehme Entlastung, bieten die intelligenten Assistenzsystemen (das müssen keine Roboter sein) in AAL-Umgebungen zusätzliche aufs Alter zugeschnittene Unterstützung.

Da es unzählige Projekte, Produkte und Ideen gibt, stelle ich im Folgenden das Projekt DALIA (Daily Life Activities at Home) vor. Durchgeführt wurde es 2012-2016 von einem internationalen Konsortium, beteiligt war auch das iHomeLab der Hochschule Luzern (weitere AAL-Projekte hier). Das ziemlich hohe Ziel des Projekts lautet:

“It is estimated that in 2060 more than a quarter of the European population will be older than 65 years. Consequently, more people will become care-dependent. In most of the cases relatives take the biggest share in caring for their beloved. However, taking care of relatives is often connected to burdens. With our solution DALIA we want to solve that problem.”

Doch wie stellen sie sich das vor? Die Lösung des Problems: ein persönlicher virtueller Assistent. Integriert in ein individuell anpassbares System (abrufbar auf Tablet, Smart TV…), ist er die zentrale Ansprechperson. Dank seiner menschlichen Erscheinung und dank seiner Fähigkeit per Sprache zu interagieren, senkt er die Hemmschwelle gegenüber der Technik und soll vor allem intuitiv bedienbar sein – auch für Personen die nicht technikaffin sind. DALIA fasst in einer einzigen Plattform verschiedenste Anwendungen zusammen. Diese gehen von E-Health-Anwendungen (Gesundheitstracking, Medikamenteübersicht), über Kommunikations- und Erinnerungsfunktionen (Telefon, Kalender) und einer Notruffunktion (die selbst Stürze erkennt) bis zu einer anpassbaren Toolbox (z.B. Lokalisieren von verlorenen Dingen). Authorisierte Personen, wie Verwandte, Pflegepersonal, medizinische Dienste, können schnell und einfach auf Daten zugreifen bzw. in das System eingreifen.

Zentral bei vielen AAL-Umgebungen ist, dass es sich um selbstlernende, mitdenkende und integrierte Systeme handeln. Sie bieten nicht nur massgeschneiderte Problemlösungen an, sondern binden oftmals auch weitere Personen und Dienstleister ein (wie Verwandte, Nachbarn, Sicherheitsunternehmen, telemedizinische Zentren). Wichtig ist aber, all die Sensoren, Tools und Dienstleistungen sind nicht für das gute Gewissen von Angehörigen gedacht, sondern sie sollen den Senioren und Seniorinnen, die mit ihnen leben und ihre Wohnung teilen, ein selbstbestimmtes, sicheres Leben ermöglichen. Die Akzeptanz des Systems ist daher wichtig, aber durch das steigende Interesse von älteren Menschen an Internet, PCs und Co. wird der Markt für die Entwicklung von smarten Lösungen für den Smart Senior bedeutsamer und aussichtsreicher. Der Gewinn an Lebensqualität und Selbstbestimmtheit überwiegt dann auch die permanente Überwachung – jedenfalls nach Jäkel (2015, S. 65-73).

Predictive Ageing – „Durch zukünftige Technologien dem biologischen Alter den Kampf ansagen“

Ein weiteres Szenario des Alterns der GDI-Studie Digital Ageing ist jenes des Predictive Ageings (Samochowiec et. al. 2015, S. 50-56). Das Ziel des predictive agers ist es, Fähigkeiten und Handlungsspielräume möglichst lange zu bewahren. Es soll also alles möglichst lange so bleiben wie es ist. Dabei setzen sie auf Big Data und das Internet und nutzen intensiv neue Technologien. Der Fokus liegt dabei stark auf der Gesundheit. Ansonsten sind sie, wie die conservative Agers, kaum daran interessiert, Neues zu lernen, und stehen Innovationen eher skeptisch gegenüber.

Predictive agers sind folglich gesundheitsbewusste Menschen. Gesunde Ernährung, Fitness und Selbständigkeit sind ihnen wichtig. Mit Hilfe von Prognosen wollen sie künftige Risiken erkennen und kalkulieren. Es geht ihnen um Sicherheit, um Kontrolle und das Behalten der Entscheidungsmacht über ihren Körper, über ihre Gesundheit, über ihr Leben. Um das zu erreichen, machen sie sich Daten zunutze, die einerseits aus Genanalysen stammen, andererseits mit Hilfe von Smart Devices und Self-Tracking-Tools generiert werden. Es werden jedoch nicht nur gesundheitsüberwachende Apps eingesetzt, sondern auch smart Healthcare Produkte wie Kleider und Schmuck, die beispielsweise die Gesundheitsfunktionen überwachen oder an die Einnahme von Medikamenten erinnern. Die Lebensweise der predicitive ager kann zu einem Boom von Sensoren, Chips und personalisierter Medizin auf dem Gesundheitsmarkt führen.

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 Foto: DariuszSankowski (verfügbar unter: pixabay.com)

Ihrer selbst erzeugten Daten sind sie sich bewusst und wissen auch um deren Wert. Sie haben und nutzen die Möglichkeit, diese an grosse Händler zu verkaufen. Dadurch entstehen grosse Datenpools, die das Erkennen von Mustern ermöglichen. Abgeleitet davon bekommen sie auf sich zugeschnittenen Vorschläge bezüglich Ernährung, Bewegung und Medikamentendosierung.

Gesellschaft und Politik werden durch sie vor verschiedenen Herausforderungen gestellt werden. Denn predictive agers leben länger ohne dabei einen ökonomischen Wert zu generieren. Von der Gesundheit und Fitness her könnten sie zwar länger arbeiten. Ihre konservative Einstellung anderen Neuerungen gegenüber macht sie jedoch für den modernen Arbeitsmarkt zu unflexibel. Das bedeutet nicht nur für Sozialversicherungen eine Herausforderung, sondern kann auch zu Unmut unter den Generationen führen. Und da predicitve agers nicht so viel Verständnis für ihre ungesund lebenden Gleichaltrigen haben, kann es auch hier zu Spannungen kommen.